Interview mit Edward Ka-Spel (amusio.com – german)

9. Mai 2016, von

Wenn legendäre Bands schon so zahlreich ihre Aufwartung beim Jubiläums-WGT machen, darf eine Band, die ihren Nimbus schon im Namen trägt, nicht fehlen: Willkommen The Legendary Pink Dots! Eingebettet in den Verlauf einer Tour, die auch dazu dienen soll, den aktuellen Langspieler Pages Of Aquarius (Metropolis/Soulfood, ab Freitag) zu präsentieren, wird die niederländisch-britische Kultband das Auditorium des Schauspielhauses erfreuen, voraussichtlich am Sonntagabend. Am Pfingstmontag geht es dann weiter nach Köln, wo die faszinierenden Querdenker im MTC gastieren werden. Im Voraus gewährte Frontmann Edward Ka-Spel Einblicke in die Hintergründe einer der latent bedeutsamsten Formationen der Szene.


Edward Ka-Spel, Legendary Pink Dots

amusio: „Hi Edward, Du wohnst schon seit geraumer Zeit in London. Was hat dich dazu bewegt, die beschaulichen Niederlande zu verlassen?“

Edward Ka-Spel: „Meine Mutter ist 2010 verstorben und hat mir das Haus vererbt, in dem ich nun mit meiner Frau und unserer kleinen Tochter lebe. Meine Mutter war damals das Einzige, was mich noch mit England verband. Aber dann dachten wir, dass wir es einfach mal versuchen sollten, trotz des fiesen Wetters hier. Aber die Zeit in Nijmegen und später in Süd-Limburg bleibt unvergessen. Ich fahre immer wieder mal hin, allein schon weil der Rest der Band dort verblieben ist.“

amusio: „Zunächst wollten wir nur über das neue Album Pages Of Aquarius sowie die Tour sprechen, die euch unter anderem auch nach Köln führen wird. Doch nun ist auch noch das WGT hinzugekommen…“

Edward Ka-Spel: „Unsere Teilnahme am WGT war zunächst gar nicht geplant. Schließlich läuft unsere Tour ja quasi zeitgleich. Doch dann hatte eine andere Band ihren Gig auf dem WGT abgesagt. So erging die Frage an uns, ob wir das vielleicht doch noch hinbekommen könnten. Und siehe da: Es passte perfekt! Den Sonntag hatten wir noch frei, am Montag geht es dann weiter nach Köln.“

amusio: „Werden sich eure Auftritte zwischen dem WGT und der regulären Tour gravierend unterscheiden? Etwa hinsichtlich des Repertoires oder auch der Dauer, zumal ihr ja für ausgesprochen extensive Gigs bekannt seid?“

Edward Ka-Spel: „Wir sind mit einem komplett neuen Set unterwegs, das wurde ja auch mal Zeit. Eine speziell fürs WGT modifizierte Show wird es nicht geben. Wenn man es uns gestattet, sprengen wir in Leipzig gerne den üblichen Zeitrahmen eines Festivalkonzerts.“

Edward Ka-Spel, Legendary Pink Dots, Entremuralhas 2014 (Helena Granjo)

amusio: „Was denkst du generell über das WGT?“

Edward Ka-Spel: „Ich finde es phantastisch, wie sich die Leute dort ihr eigenes Universum kreieren. Wir haben ja schon einige Male dort gespielt. Und ich hege da nur die besten Erinnerungen. Mal abgesehen von jemandem, der bei unserem Konzert eine belgische Fahne schwenkte. Das fand ich befremdlich (lacht). Im Ernst, die Leute sind dort sehr aufmerksam und schätzen ihre Künstler. Auf dem WGT wird zugehört, das ist mir das Wichtigste.“

amusio: „In den vergangenen Jahren huldigten eure Alben ziemlich ungehemmt der Abstraktion. Pages Of Aquarius scheint hingegen sehr fokussiert zu sein…“

Edward Ka-Spel: „Ja, das ungehemmt Experimentelle haben wir auf dem neuen Album gegen enthemmte Intensität eingetauscht. Auf Pages Of Aquarius ist nicht ein einziger Ton dem Zufall überlassen worden. Jedes Detail wurde sehr bewusst gewählt und gesetzt. Ich finde, es ist ein ausgesprochen kurzweiliges Album geworden. Die Reise scheint schneller vorbei zu sein, als die Laufzeit von einer Stunde suggeriert.“

amusio: „Von der Improvisation habt ihr also Abstand genommen?“

Edward Ka-Spel: „Nein, Improvisation ist stets vorhanden, aber wir haben das Material anschließend mit größter Sorgfalt editiert. Nimm mal den Song Greatest Story Ever Told. Dessen erste Hälfte ist komplett improvisiert. Aber es war uns wichtig, nie den Song aus den Augen zu verlieren.“

amusio: „Erinnerst du dich eigentlich an alle deine Releases?“

Edward Ka-Spel: „Ich denke schon, sie sind ja ein wesentlicher Teil von mir. Aber ich habe aufgehört, die Alben zu zählen. Ich erinnere mich besser anhand der einzelnen Songs, die kann ich zeitlich recht exakt einordnen. Auch wenn ich mich nicht auf Anhieb an sämtliche Texte erinnere, die in den Achtzigern oder Neunzigern bei irgendwelchen obskuren Sessions entstanden sind.“

The Legendary Pink Dots: “Pages Of Aquarius”

amusio: „Nach wie vor scheinen eure Pop Noir-Songs, wie sie etwa das Album Any Day Now auszeichnen, beim Publikum besonders beliebt zu sein…“

Edward Ka-Spel: „Wenn wir Any Day Now heute aufgenommen hätten, wäre Pages Of Aquarius dabei herausgekommen.“

amusio: „Stimmt, das neue Album trägt diese gewisse Atmosphäre von einem Song wie Waiting For The Cloud in sich.“

Edward Ka-Spel: „Genau! Aber wir haben die wirklich abgefahrenen Sachen längst nicht ad acta gelegt. Warte mal die nächsten Veröffentlichungen ab (lacht). Es wird auch ein Konzeptalbum mit Amanda Palmer von den Dresden Dolls geben. Und auch ein neues Tear Garden Album ist in der Mache. cEvin Key und ich sind schon ganz fleißig dabei, fünf Songs haben wir bereits fix.“

amusio: „Warum bist du so kreativ?“

Edward Ka-Spel: „Weil die Musik in mir einfach geschieht. Und dies tagtäglich. Früher oder später ergeben sich dann auch die entsprechenden Projekte. Zugegeben, mein Drang zum kreativen Ausdruck ist schon immens. Und er hat mich bis heute auch noch nie verlassen. Ich kann und will das nicht ändern, auch wenn ich letztlich doch ziemlich besessen bin.“

amusio: „Besessen von der Musik, doch als Mensch scheinst du eher der besonnene Typ zu sein, oder?“

Edward Ka-Spel: „Stimmt, die Besessenheit bezieht sich nur auf die Musik. Meine Persönlichkeit sollte ihr dabei nicht im Weg stehen.“

amusio: „Inwiefern beeinflusst deine räumliche Trennung zu den anderen Legendary Pink Dots euer Schaffen?“

Edward Ka-Spel: „Sie äußert sich anhand eines konzentrierteren und wesentlich disziplinierteren Arbeitens. Früher spielten wir nach Lust und Laune munter drauflos, denn wir hatten ja täglich die Gelegenheit dazu. Wir haben uns oft treiben lassen, waren manchmal sogar eine Spur zu lässig. Heute beherzigen wir einen anderen workflow, da wir die Notwendigkeit erkannt und anerkannt haben, die Gelegenheiten zum gemeinsamen Musizieren zu einhundert Prozent auszunutzen. Faul waren wir noch nie. Aber dass wir nun so großen Wert auf Disziplin legen, wundert uns manchmal selbst ein wenig.“

amusio: „Diese Diszipliniertheit ist Pages Of Aquarius anzuhören…“

Edward Ka-Spel: „Wir lieben es zu sehen, wie sich Disziplin auszahlt.“

Edward Ka-Spel, The Legendary Pink Dots, Entremuralhas 2014 (Helena Granjo)

amusio: „Kommen wir kurz auf das inhaltliche Konzept des Albums zu sprechen. Es  handelt offensichtlich von der bevorstehenden Zeitenwende…“

Edward Ka-Spel: „Die Hinwendung zum Optimismus des neuen Wassermann-Zeitalters hat ja bereits vor über vierzig Jahren eingesetzt. Die alten Hippies haben ausgedient. Nackt im Mondenschein zu tanzen, hat sich nicht als Erlösung erwiesen. Aber der Spirit ist geblieben. Und wird sich nach und nach durchsetzen. Die Welt ist schön, das Leben ist schön! Noch liegen, bildhaft gesprochen, die gestrandeten Fischkadaver herum und stinken vor sich hin. Aber bald werden sie vollständig verwest sein. Alles wird gut! Darum endet das Album mit großer Zuversicht und Hoffnung, auch wenn auf ihm noch jede Menge Dunkelheit vorhanden ist.“

amusio: „Und mit Mirror Mirror eine packende Eröffnung. Wer scheut denn da den Blick in den Spiegel?“

Edward Ka-Spel: „Das bin tatsächlich ich. Ich kann mein Spiegelbild einfach nicht ertragen! Höchstens von der Seite, etwa auf dem Weg an einem Schaufenster entlang (lacht).“

amusio: „Aber sich zum Blickfang der Show zu machen, das liegt dir schon, oder? Ich erinnere mich da zum Beispiel an ein Konzert im Kölner Luxor, im Vorprogramm von Skinny Puppy…“

Edward Ka-Spel: „Oh ja, da habe ich zum Ende hin meine Disks durch die Gegend geworfen. Ich war emotional sehr aufgekratzt, das war aber eine Ausnahme. Das Showelement stelle ich inzwischen etwas zurück, denn, wie gesagt, alles hat der Musik zu dienen und sich den Songs unterzuordnen.“

amusio: „Woher nimmst die Motivation?“

Edward Ka-Spel: „Sie entspringt dem Wissen, dass nichts von alleine kommt. Dass man im Leben für gewöhnlich nichts geschenkt bekommt. Man muss seine Position im Leben selbst definieren. Keine Zeitvergeudung zulassen. Letztlich zielt die Frage nach der Motivation nach der Identifikation: Ich mache das, was ich tun muss.“

amusio: „Und dabei schreibt dir niemand etwas vor?“

Edward Ka-Spel: „Doch, mein Spiegelbild (lacht).“

amusio: „Oder die Erwartungen des Publikums?“

Edward Ka-Spel: „Unser Publikum erwartet, dass wir keine Erwartungen erfüllen. Und das schon seit über 35 Jahren.“

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